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In einem unserer vergangenen Blog-Beiträge haben wir einen sehr persönlichen Bericht über unsere eigene Weiterentwicklung und unsere NewWorkErfahrungen unter dem Titel nativDigital X.0“ mit euch geteilt. Darin haben wir euch gezeigt, dass es bei nativDigital keine festen Stellenbeschreibungen gibt und wir stattdessen in flexiblen Rollen agieren, die den Stärken und Interessen unserer Teammitglieder entsprechen. Diese Struktur gibt den Rolleninhaber*innen die Entscheidungshoheit über die eigenen Themen. Damit haben wir für uns eine klare Verteilung von Entscheidungskompetenzen erzielt. Trotzdem stehen wir immer wieder vor der Herausforderung bestimmte Entscheidungen im Team treffen zu müssen oder zu wollen.

Dabei versuchen wir uns am Prinzip des Konsents zu orientieren. Der Konsent (mit „t“ am Ende!) ist eine ganz besondere Art der Entscheidungsfindung im Team. Im Gegensatz zu anderen Entscheidungsformen basiert er nicht auf der Zustimmung einer oder mehrerer Personen FÜR etwas, sondern darauf, dass niemand ein schwerwiegendes Argument DAGEGEN hat.

Welche Entscheidungsmöglichkeiten im Team gibt es überhaupt? 

Grundsätzlich seid ihr als Team immer mit der Entscheidungsfindung konfrontiert. Entscheidungen sind schließlich die Grundlage für Ergebnisse und dafür, dass ihr als Team zusammenzuarbeiten könnt. Sie sind vor allem dann notwendig, wenn ihr es mit Spannungen zu tun habt, also von einem Teammitglied wahrgenommene Differenzen, die als Impuls zur Veränderung dienen können. 

Die klassischen Wege Entscheidungen zu finden sind die folgenden: 

  • Autokratisch: Eine Person in eurem Team fällt die Entscheidung alleine. 

  • Demokratisch: Ihr stimmt in eurem Team über ein Thema ab und die Mehrheit entscheidet. 

  • Im Konsens: Alle Mitglieder eures Teams müssen zustimmen. Stimmt eine*r dagegen, fällt die Entscheidung gegen das Thema aus. 

Im Gegensatz zu diesen drei Entscheidungswegen basiert der Konsent (mit „t“ am Ende!) nicht auf der Zustimmung einer oder mehrerer Personen FÜR eine Sache, sondern darauf, dass niemand ein schwerwiegendes Argument GEGEN diese Sache hat.

Ansätze Entscheidungsfindung

Was hat es mit dem Konsent auf sich? 

Eine Entscheidung im Konsent trefft ihr also nicht, wenn alle Teammitglieder für eine Sache sind, sondern wenn niemand ein schwerwiegendes Argument dagegen aufbringt. Im Vergleich zu den anderen Entscheidungsformen scheint dies zunächst nur einen kleinen Unterschied zu machen. In der Praxis hat der Konsent jedoch einen großen Einfluss auf die Geschwindigkeit, Inklusion und Fairness eurer Entscheidungen. 

Wenn ihr den Konsent mit dem Konsens vergleicht, wird euch auffallen, dass der Prozess deutlich verkürzt wird. Das liegt daran, dass bei der Konsent-Findung der oft unmögliche Versuch, in einem Team von verschiedenen Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen eine vollständige Zustimmung zu suchen, entfällt. Trotzdem involviert ihr mit dem Konsent – im Gegensatz zur autokratischen Entscheidungsfindung – alle Teammitglieder in den Prozess, die für die Entscheidungsfindung wichtig sind. Gleichzeitig trefft ihr im Vergleich zur demokratischen Mehrheitsentscheidung Beschlüsse nicht nur deswegen, weil eine einzelne Person das Zünglein an der Waage ist, sondern weil alle Beteiligten zumindest indirekt ihr Okay gegeben haben. 

Im Prozess des Konsents betrachtet ihr mögliche Lösungsvorschläge mit allen Beteiligten. Ihr könnt in diesem Prozess somit Entwürfe und Änderungswünsche einbringen, die besprochen und ausprobiert werden können. Sollte in eurem Team niemand ein schwerwiegendes Argument gegen diese Lösung haben, das nicht ausgeräumt werden kann, so nehmt ihr die Lösung an und habt damit eine Entscheidung herbeigeführt. Falls ihr jedoch ein Argument nicht final ausräumen könnt, so entscheidet ihr euch gegen die Lösung und die damit verbundene Entscheidung. 

Wie läuft ein typischer Entscheidungsprozess im Konsent ab? 

Der Prozess des Konsents erinnert stark an iterative Design Thinking Prozesse und besteht, angelehnt an das Buch „Holacracy“ von Brian J. Robertson, aus sieben aufeinanderfolgenden Schritten. Am besten bestimmt ihr eine*n Moderator*in, der*die euer Team durch die folgenden Schritte führt: 

Der*die Initiator*in der Entscheidung beschreibt eurem Team das Thema, für welches eine Entscheidung getroffen werden soll. Von einer Spannung sprechen wir hier, da es sich bei dem Auslöser für die herbeizuführende Entscheidung meist um eine wahrgenommene Differenzen handelt, die als Impuls zur Veränderung dient.

Hier kommt ein weiterer entscheidender Unterschied zu anderen Entscheidungsformen zum tragen: Der*die Initiator*in der Entscheidung ist auch gleichzeitig verantwortlich für die Vorstellung eines Lösungsvorschlags! Diese Person stellt eurem Team also den eigenen Vorschlag kurz und prägnant vor, sodass ihn alle am Entscheidungsprozess beteiligten Teammitglieder verstehen können. 

Gebt eurem Team die Möglichkeit, klärende Fragen zum Vorschlag zu stellen. Das Ziel dieses Schrittes ist jedoch noch nicht mögliche Einwände oder Verbesserungsvorschläge zu präsentieren, sondern die Details des Lösungsvorschlags besser zu verstehen. 

Euer Team kann nun erstes Feedback zum Vorschlag geben und Ideen zur Weiterentwicklung einbringen. 

Der*die Initiator*in des Lösungsvorschlags kann nun auf das Feedback eingehen und den eigenen Vorschlag entsprechend anpassen. 

Euer Team kann nun bestehende Einwände äußern, welche die Weiterverfolgung des Lösungsvorschlags in Frage stellen. Als Leitfrage könnt ihr euch immer an dem Satz „Ist der Vorschlag sicher genug, um ihn auszuprobieren?“ orientieren. 

In einem letzten Schritt versucht ihr die Einwände in den Vorschlag zu integrieren. Sollte das möglich sein, wird der Vorschlag angenommen. Falls dies nicht möglich ist, dann handelt es sich um einen Lösungsvorschlag mit unüberbrückbaren Differenzen. 

Im Idealfall durchlauft ihr all diese Schritte in nur einem Meeting. Die Einarbeitung des Feedbacks oder der Einwände kann bei großen Entscheidungen jedoch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. An diesen Stellen könnt ihr das Meeting unterbrechen und in einer weiteren Session fortführen.

Schritte zum Konsent

Unsere Erfahrungen für den Einsatz des Konsents 

Ihr seht: Auf dem Papier erscheinen die verschiedenen Schritte des Konsents zunächst etwas komplex. Deshalb solltet ihr diesen Prozess für euch am besten einige Male durchspielen, bevor ihr Sicherheit gewinnt und für euch beurteilen könnt, bei welchen Fragenstellungen und Spannungen der Konsent eine für euch geeignete Entscheidungsmethode ist. 

Der wichtigste Mehrwert des Konsents für euch ist vor allem die damit verbundene Änderung des Mindsets. Anstatt das Problem in den Mittelpunkt zu stellen, fokussiert ihr euch auf die Lösung und gebt euren Teammitgliedern die Möglichkeit neue und kreative Lösungsansätze zu testen, solange es keine schwerwiegenden Einwände gibt. 

Somit kann der Konsent für euer Unternehmen eine durchaus agile Methode zur Entscheidungs-findung sein. Durch die Involvierung aller für das jeweilige Thema wichtigen Teammitglieder bringt ihr mehr Transparenz in euer Unternehmen ohne aber abhängig von einer Mehrheitsentscheidung zu sein. So kann der Konsent zum Beispiel eine passende Methode in frühen Phasen der Produktentwicklung sein. In diesem Stadium wisst ihr vielleicht noch nicht viel über eure potentiellen Kund*innen und passende Produkte. Der Konsent hilft euch „sichere“ Lösungen schnell testen zu können und euch nicht in dem Prozess, einen mehrheitlichen oder konsensfähigen Beschluss zu finden, zu verlieren. 

Nichtsdestotrotz haben auch andere Entscheidungsformen ihre Vorteile. Wir bei nativDigital stellen zum Beispiel neue Mitarbeiter*innen nur ein, wenn Konsens (ja, hier mit „s“!) über diese Entscheidung herrscht, also alle Teammitglieder zustimmen. In unseren Rollen wiederum treffen wir Entscheidungen absolut eigenverantwortlich, also fast autokratisch – jedoch immer mit der nötigen Transparenz für andere.  

Fazit 

In einem Team könnt ihr selten alle Entscheidungen nur durch Individuen treffen. Selbst wenn ihr, so wie wir, mit einem Rollenkonzept arbeitet, dass den einzelnen Rollen eine hohe Verantwortung zuweist. In einem Unternehmen gibt es immer auch Entscheidungen, die verschiedene Teammitglieder involvieren und das Knowhow sowie die Erfahrung verschiedener Spezialist*innen erfordern. 

Der Konsent ist hierfür eine von mehreren Entscheidungsformen, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Die Stärke des Konsents liegt vor allem darin, den Fokus auf potenzielle Lösungen zu legen. Einwände sind nur dann zu betrachten, wenn sie kritisch oder geschäftsgefährdend sind. So könnt ihr einen schnellen Entscheidungsprozess herbeiführen und ins Testen möglicher Lösungen kommen, um schnell Feedback zu neuen Produkten oder angepassten Prozessen zu erhalten. 

Auch wenn der Konsent vielleicht Neuland für euch ist und etwas Disziplin und Durchhaltemögen erfordert – er eröffnet ganz neue Möglichkeiten agil und transparent zu entscheiden. Ausprobieren und durchhalten lohnt sich also für euch!