Unsere Arbeit hat sich verändert und das nicht erst seit der Corona Pandemie. Der Wunsch vieler Arbeitnehmer*innen nach mobiler Arbeit, Arbeiten aus dem Home Office und flexiblen Arbeitszeitmodellen wird immer lauter. Immer mehr Menschen wollen mit ihrer Arbeit mehr erreichen, als Geld zu verdienen, und suchen nach einer sinnstiftenden und erfüllenden Aufgabe. Schon lange dominierte der Begriff New Work, wenn es um neues, modernes Arbeiten geht. Aber – beantwortet New Work die Frage, wie die Zukunft der Arbeit aussieht?

Frithjof Bergmanns Vision von New Work

Was bedeutet New Work und woher kommt der Begriff? Frithjof Bergmann ist der Begründer des Begriffs New Work und dem Konzept dahinter. Nachdem Frithjof Bergmann in die USA auswanderte, dort unterschiedlichen Tätigkeiten wie Tellerwäscher, Hafenarbeiter, Preisboxer oder Theaterautor nachging, widmete er sich der Philosophie. Bereits 1977 publizierte er das Buch „Die Freiheit leben“ und legte damit den Grundstein für sein Konzept von New Work. Er beschreibt darin, dass Freiheit erst möglich ist, wenn jede*r Einzelne weiß, was er*sie wirklich in seinem*ihrem Leben tun möchte. 2004 publizierte er das dazugehörige Grundlagenwert „Neue Arbeit, Neue Kultur“.

New Work Zitat

Frithjof Bergmann war bereits in den 1970ern der Auffassung, dass es an der Zeit für ein neues Konzept für moderne Arbeit ist. Die Lohnarbeit, wie wir sie bisher kennen und anwenden, funktionierte aus seiner Sicht nicht mehr. Bei der Lohnarbeit stellt die zu erledigende Aufgabe das Ziel dar, wobei wir uns selbst als Werkzeug nutzen. Der Mensch hat sich also der Arbeit unterworfen, so Frithjof Bergmann. Er plädiert im Gegensatz dazu dafür, dass die Arbeit uns dienen sollte und nicht umgekehrt. Und dafür braucht es Neue Arbeit.

Neue Arbeit, definiert durch Frithjof Bergmann, steht für Selbstständigkeit, Teilhabe an der Gemeinschaft und Freiheit. Er sagt neue Arbeit oder auch New Work ist eine andere Art, Arbeit zu organisieren. Dabei soll Arbeit nichts Gezwungenes sein, sondern etwas, das man wirklich, wirklich will. Im Interview mit t3n gibt er spannende Einblicke in seine Gedankenwelt und seine Vision von neuer Arbeit: https://t3n.de/magazin/new-work-urvater-frithjof-bergmann-alte-mann-mehr-247621/. 

Der Kern: Was wir wirklich, wirklich wollen

Um New Work nach den Ansichten von Frithjof Bergmann leben und umsetzen zu können, müssen wir uns zunächst eine Frage stellen – wissen wir, was wir wirklich, wirklich wollen? Die Realität zeigt häufig – nein, das wissen wir nicht.

Frithjof Bergmann berichtet, dass die Philosophie häufig dem Irrglauben unterliegt, Menschen wüssten, was sie wollen und strebten danach. Er selbst ist während seiner Arbeit als Philosoph zu dem Schluss gekommen, dass dies nicht zutrifft. Auf der Annahme, dass Menschen eben nicht wissen, was sie wirklich, wirklich wollen, basiert auch sein Konzept, wie New Work umgesetzt bzw. erreicht werden kann. Seine Lösung: Der Aufbau von Zentren für Neue Arbeit. In diesen Zentren können Personen Unterstützung erhalten, um die Frage, was sie wirklich, wirklich wollen, zu beantworten. Da sich diese Frage aber auch im Verlauf der Zeit ändern kann, basiert das Konzept New Work auf einer langfristigen Verbindung zu den Zentren der neuen Arbeit.

Um also die ursprüngliche Idee von New Work umsetzen und leben zu können, gilt es herauszufinden, was man wirklich, wirklich tun möchte. Darauf eine Antwort zu finden ist alles andere als leicht. Es rückt schnell die Frage aller Fragen in den Mittelpunkt: was ist der Sinn meines Lebens? Welche Ziele möchte ich erreichen? Was möchte ich lernen? Welche Dinge möchte ich ausprobieren? Und darauf gibt es keine einfache und allgemeingültige Antwort.

New Work Ansätze heute

New Work ist in den letzten Jahren ein bekannter Begriff geworden und mittlerweile gibt es unterschiedliche Ansätze dafür, wie eine neue Form der Arbeit umgesetzt werden kann. Die Konzepte reichen dabei von der radikalen Ursprungsidee von Frithjof Bergmann bis hin zu abgeschwächten Ansätzen, wie der Umgestaltung von Arbeitsräumen und dem Einsatz von digitalen Tools. In diesem Rahmen toben sich viele Unternehmen bereits aus. Wenn man sich intensiver mit New Work auseinandersetzt, begegnen einem immer wieder einige grundlegende Konzepte, die ein „neues Arbeit“ nach heutigem Verständnis ausmachen:

Ansatzpunkte New Work

Purpose: Sinnstiftendes Arbeiten

Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit der Sinn-Frage. Wofür steht unser Unternehmen? Was ist der Grund unserer Existenz? Was wollen wir erreichen? Auch immer mehr Mitarbeiter*innen fordern ein solches klares Bild ein und wünschen sich eine höhere Identifikation der Mitarbeiter*innen mit dem Unternehmen. Dazu initiieren sie Bewegungen innerhalb von Organisationen und fordern eine Auseinandersetzung mit den genannten Fragestellung ein.

Neben dem Sinn der Organisation tritt immer mehr auch die Sinnhaftigkeit der Arbeit jedes*r Einzelnen in den Vordergrund. In diesem Aspekt entspricht das New Work Konzept sehr der ursprünglichen Idee von Frithjof Bergmann. Hier tritt seine Frage „Was willst du wirklich, wirklich machen?“ wieder in den Fokus. Arbeit, die wir tun, soll uns zum einem Spaß machen und uns finanzielle Sicherheit geben. Immer mehr Menschen haben aber auch den Wunsch, etwas Sinnvolles in der Welt zu bewirken. Im Gegensatz zu vorherigen Generationen leben wir aktuell in einer unglaublich stabilen Welt, die diese Gedanken erst möglich macht. Zudem sind wir durch die Entwicklungen der Digitalisierung erstmalig in der Position uns damit auch ausführlich beschäftigen zu können. Beispielsweise können wir heute mithilfe von Technologien der Automatisierung, wie z.B. RPA unliebsame, zeitfressende und wenig produktive Aufgaben loswerden und uns Freiräume schaffen.

Empowerment: Selbstbestimmtes Arbeiten

Zur Umsetzung von New Work gehört für immer mehr Menschen das selbstbestimmte und eigenverantwortliche Arbeiten. Die häufigste Lösung sind flachere Hierarchien oder sogar die Abschaffung von Hierarchien durch die Umsetzung neuer Konzepte, wie z.B. Scrum, Kanban, Holacracy und anderer agiler Ansätze.

Ziel des selbstbestimmten Arbeitens ist es, Teams und Einzelpersonen sowohl mehr Verantwortung als auch die Autorität selbst entscheiden zu können zu geben. Dabei verlagert sich die Entscheidungskompetenz von den Führungskräften ins Team oder zu einzelnen Personen. Dieser Wandel hin zu einer agilen Organisation mit verteilter Verantwortung bedeutet eine große Veränderung für jede*n Einzelne*n. Führungskräfte müssen damit umgehen, Macht abzugeben und ihre Rolle neu definieren. Dabei kommt häufig das Konzept des Servant Leadership zum Einsatz. Auf der anderen Seite müssen Mitarbeiter*innen diese Verantwortung übernehmen wollen und lernen, mit ihren neuen Entscheidungskompetenzen und Freiheiten umzugehen.

Flexibilität: Mobiles Arbeiten und zeitliche Flexibilität

New Work bedeutet für viele auch, an einem selbst gewählten Orten arbeiten zu dürfen. Das Konzept remote work geht dabei über die Arbeit aus dem Home Office hinaus. Es schließt ein, dass Mitarbeiter z.B. auch aus einem anderen Land mit anderer Zeitzone arbeiten können. Es impliziert auch, dass die Freiheit besteht, zu entscheiden, wie die Arbeitszeiten gestaltet werden. Dabei reicht die Spanne von Vertrauensarbeitszeit ohne Kontrolle durch die Führungskräfte bis hin zu digitalen Nomaden, die von überall auf der Welt in unterschiedlichen Zeitzonen arbeiten. Hinter dem Bedürfnis der Arbeitszeitflexibilisierung steckt oft der Wunsch einer besseren Integration von Arbeit und Privatleben. Ein flexibles Arbeitszeitmodell ermöglicht z.B. eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Kindererziehung, oder auch die Kombinierbarkeit mit Hobbies oder zusätzlichen beruflichen Tätigkeiten, die den Menschen Erfüllung bringen.

Kollaboration: Methoden und Tools

Auch Methoden und Tools zur besseren Zusammenarbeit sind ein wichtiger Aspekt im New Work Kosmos. Technische Tools und Methoden der Zusammenarbeit sind oft erst die Möglichmacher von z.B. Flexibilität. Der Einsatz von digitalen Kollaborationsmöglichkeiten, wie Microsoft Teams, in Kombination mit einer agilen Arbeitsweise mit hoher Transparenz und Fokus auf Aufgabenpaketen, ermöglicht mobiles Arbeiten erst. Aber auch weitere Ansätze wie das regelmäßige, gemeinsame Reflektieren der Arbeitsweisen in Retrospektiven mithilfe von Retrospektive Methoden gehört dazu.

Unsere Perspektive auf New Work

Wir finden, dass das New Work Konzept von Frithjof Bergmann im vollen Umfang eher einer Utopie gleicht und sehr schwer umsetzbar ist. Grund hierfür ist, dass das Konzept nicht nur einzelne Personen und wenige Unternehmen einbezieht, sondern vielmehr die Art zu leben und zu arbeiten in ihrer Gesamtheit betrifft. Der Ursprungsgedanke von Frithjof Bergmann zu New Work ist in der Praxis, zumindest in Teilen, immer noch erkennbar. Dennoch hat sich das Konzept in unterschiedlichsten Ausprägungen in Organisationen etabliert. Die verschiedenen Ansätze zielen in den meisten Fällen darauf ab Wissen zu demokratisieren, Verantwortung und Entscheidungskompetenz sinnvoll zu verteilen und die Arbeit als flexiblen Bestandteil des Lebens zu integrieren. New Work beruht aber immer auf der Voraussetzung, Mut zu haben, etwas zu verändern und neue Wege zu gehen. Für uns ist die wichtigste Frage: Wie wollen wir arbeiten, wenn wir Arbeit neu denken können? Die Antwort darauf kann je nach Kultur, Mitarbeiter*innen oder Unternehmen unterschiedlich ausfallen.